Urlaub in Saarbrücken: Kapitel 4 — „Simulacrum“

Man­che sagen, daß es so ist, als würde man die Augen rich­tig auf­ma­chen und ein­fach auf­ste­hen. Andere den­ken ein­fach daran und sind sofort da. Für mich ist es eher, als würde ich mich selbst am Kra­gen packen und aus mei­nem Kör­per rauswerfen.

Egal, wie man es macht — man nennt es astrale Pro­jek­tion. Der Moment, wo der Magier sein ich nimmt und es auf die astrale Ebene bewegt, los­ge­löst von sei­nem Kör­per. Seine Bewe­gung wurde jetzt nicht mehr ein­ge­schränkt durch schwa­ches Fleisch und Mus­keln; nur seine Gedan­ken waren die Grenze für die Geschwindigkeit.

Tech­nisch gese­hen konnte man jeden Punkt der Welt in unter vier Stu­den errei­chen in der astra­len Ebene. Das Pro­blem war nur, daß die meis­ten Magier nicht viel län­ger aus­hiel­ten, und vor­her in ihren Kör­per zurück muß­ten — oder sie wür­den sich für ewig in der astra­len Ebene ver­lie­ren, um ein­fach zu verschwinden.

Aber all die tech­ni­schen Details bei Seite, selbst wenn sie so wich­tig sind und ich sie so liebe, so beschreibt es doch nicht die Rea­li­tät: wie wun­der­schön die astrale Ebene ist.

Die nor­male Land­schaft ver­blaßt. Auf der astra­len Ebene ist alles defi­niert durch die soge­nannte „Aura“, wel­che die Essenz von einem Lebe­we­sen wie­der­gibt. Mensch­li­che Arte­fakte haben auch eine Aura, aber sie sind eher schwach und sche­men­haft — einen Groß­teil der nor­ma­len Welt sieht man als sche­men­hafte, dunkle For­men, die zwar die Sicht ver­sper­ren, aber eher wie Kari­ka­tu­ren der Rea­li­tät wir­ken und wenig Wider­stand bie­ten — man kann sich pro­blem­los durch sie hin­durch­be­we­gen, wenn man will.

Aber alle Lebe­we­sen sind da und geben ihr eige­nes Licht ab. Der städ­ti­sche Sprawl wirkt oft recht farb­los und dun­kel, da er fast nur von Men­schen und der gele­gent­li­chen Pflanze erleuch­tet wird. Sobald man aber raus geht aus der Stadt und sich die Natur anschaut, so fühlt man sich, als würde man fast schnee­blind wer­den vor der Hel­lig­keit, die einem umgibt. Über­all Pflan­zen und Bäume und Tiere und Gras und… Man kann es ein­fach nicht ange­mes­sen genug beschreiben.

Vor allem schwer fällt es, die ande­ren Gefühle zu beschrei­ben, die man so hat. Wenn man merkt, wie die Kraft durch einen fließt, wenn das Mana in einer Gegend stark ist, oder wie hohl man sich fühlt, wenn sie schwach ist. So viele Sen­sa­tio­nen, die so schwer zu beschrei­ben sind.

Ich blickte mich um, und sah die blü­hende Natur, gestört von der sche­men­haf­ten Form des Vans, und die Auren mei­ner drei Kum­pa­nen. Bei Mirage war es deut­lich, daß sie magisch begabt ist; sie konnte zwar nicht auf die astrale Ebene schauen — oder tat es ein­fach nicht — aber wie das Mana durch sie durch floß und sie anrei­cherte, anstatt ein­fach nur da zu sein, war Anzei­chen genug.

Shirase hin­ge­gen war ein ekel­haf­ter Anblick, der mich erschüt­tern ließ. Er wirkte wie ein schwei­zer Käse, nur nicht annä­hernd so appe­tit­lich: über­all war seine Aura, die ein gan­zes Bild abge­ben sollte, abge­dun­kelt bis quasi nicht mehr vor­han­den. Die Cyber­ware durch­drang ihn, glitt fast alle sei­ner wich­ti­gen Mus­keln ent­lang, und machte ihn zu etwas, was bei wei­tem nicht mehr Mensch ist. Was Men­schen nicht alles tun, nur, um bes­sere Kämp­fer zu werden…

Ich ori­en­tierte mich. Ich wußte, wo die Anlage liegt, und flog schnel­ler als ein Blin­zeln dort­hin. Ich schwebte leicht über den Boden und machte mir einen Über­blick. Die Anlage stand wohl schon eine Weile da, also konnte ich halb­wegs Details aus­ma­chen über den Auf­bau. Im Prin­zip bestand es aus zwei gro­ßen Lager­hal­len, einem klei­nen Park­platz und eini­gen abge­le­ge­nen Ver­wal­tungs­ge­bäu­den. Zaun drum­herum, Tor im Zaun.

Was mich irri­tierte, war, daß so eine Anlage kei­nen magi­schen Schutz hatte. Natür­lich machte das den Run ein­fa­cher, und Magier kos­ten nun­mal Geld, aber ich hätte nicht erwar­tet, daß der Besit­zer nicht mal in pas­si­ven Schutz inves­tiert hat. Das machte mich irgend­wie skeptisch.

Als ich mich der Anlage sel­ber nähe, merkte ich auch, warum es viel­leicht schwer war, magi­sche Hilfe zu bekom­men: ein rich­tig kran­kes Gefühl stieg in mir auf. Ich fühlte mich übel und dre­ckig, und die Gegend wirkte gif­ti­ger, je näher ich an die Lager­hal­len kam. Offen­bar wurde hier schon so lange die Umwelt ver­schmutzt, daß es auch auf das Mana abfärbte.

Nähere Inspek­tion ergab, daß es auch Patrouil­len gab, die umher lau­fen. Zusätz­lich paß­ten zwo Wachen auf das Tor auf. Als ich mir das Ver­wal­tungs­ge­bäude näher anschaute, fand ich schein­bar auch den Wach­raum; inter­es­san­ter­weise war dort ein MG auf­ge­baut, wel­ches auf den Innen­hof zeigte. Für mei­nen Geschmack eher eine eigen­ar­tige Wahl.

An die Lager­hal­len wollte ich mich nicht ran­trauen — sie waren mir zu wider­lich. Etwas in mir sträubte sich ein­fach, mich ihnen zu nähern. Ich schaute mich lie­ber noch nach ande­ren Wegen in die Anlage um.

Am Nord­rand wurde ich fün­dig, quasi direkt gegen­über des Ein­gangs. Hier lagen noch Trüm­mer eines alten Gebäu­des rum, in wel­chem es etwas wie eine Explo­sion gege­ben haben mußte, vor nicht all zu lan­ger Zeit. Es gibt noch einen gro­ben Schat­ten des eigent­li­chen Gebäu­des an die­sem Ort, der aber schon sehr schwach war, und halt die aktu­el­le­ren Trüm­mer, die sich in der Gegend ver­teilt haben, und das Gebäude schein­bar aus­höhl­ten, bevor es zusam­men­fiel. Warum diese Trüm­mer noch da lagen konnte ich mir nicht erklä­ren; inzwi­schen kann ich mir den­ken, daß sie wahr­schein­lich kei­nen pro­fes­sio­nel­len Ent­sor­ger gefun­den haben, der dis­kret und güns­tig war.

Unter die­sem Bau­werk auf jeden Fall führte ein alter Ent­wäs­se­rungs­schacht raus… Er war größ­ten­teils von Gras ver­deckt, so daß man ihn nicht ein­fach so sieht. Ich merkte es daran, daß die Luke, wel­che drau­ßen den Zugang zum Schacht erlaubte, wie ein schwar­zes Loch zwi­schen dem gan­zen Licht der Natur auf­leuch­tete — einer der vie­len Vor­teile davon, bes­ser zu sein als der Rest der Menschheit.

Ein kur­zes Her­lang­flie­gen zeigte, daß bis auf einen Crit­ter da unten wahr­schein­lich nichts war. Wei­ter in die Anlage rein war der Kanal ein­ge­stürzt, aber zum Glück gab’s nicht unweit davor noch eine Luke, die wie­der nach oben führte — hin­ein ins Gelände. Jackpot.

Mehr wollte ich jetzt auch nicht erkun­den, die wich­ti­gen Sachen hatte ich her­aus­ge­fun­den, und für mehr will ich Unter­stüt­zung dabei haben. Ich bewegte mein astra­les ich zurück zu mei­nem Kör­per und sank wie­der hinein.

So befrei­end es auch war, aus dem Kör­per hin­aus­zu­tre­ten, um so schlech­ter fühlte man sich, wenn man wie­der hin­ein mußte. Man gab eine schier uner­meß­li­che Frei­heit auf, und das meist nicht nur aus freien Stü­cken, son­dern nein, weil man wußte, daß man auf der astra­len Ebene nur ein regel­mä­ßi­ger Gast, und eben kein Bewoh­ner. Das Ich eines Magi­ers hielt es nicht aus, für län­gere Zeit abwe­send vom Kör­per zu ver­wei­len, wel­cher ihm als Ener­gie­quelle dient, und gleich­zei­tig dafür sorgte, daß man in der mate­ri­el­len Welt ver­an­kert war. Man hatte etwas Spiel, aber man fühlte sich trotz­dem angekettet.

Und so raffte ich mich lang­sam wie­der in mei­nem Kör­per auf, wäh­rend die leben­dige Welt zu ihrer nor­ma­len Tris­tesse ver­blaßte und ich mich fühlte, als wür­den mir Scheu­klap­pen auf­ge­setzt. AR-Hinweise und –Mar­kie­run­gen tauch­ten wie­der in mei­nem Sicht­feld auf, und ich war zurück in der Welt der kal­ten Technologie.

Ich schaute die ande­ren Run­ner an; Mirage nickte wis­send, aber die ande­ren bei­den waren leicht geschockt von der gan­zen Sache. Ein Grin­sen rutschte auf mein Gesicht.

„Ich weiß, wie wir reinkommen.“

About towo
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