ydal

Urlaub in Saarbrücken: Kapitel 3 — „Casting”

Die Heim­fahrt war ereig­nis­los. Meine Grow­ler wurde nicht geklaut aus dem Park­haus, der Regen hatte nach­ge­las­sen; alles war ruhig, als ich mich vom Motor­rad schwang und mei­nen Helm abzog.

Mal wie­der strahlte mir die AR ent­ge­gen. Hier drau­ßen war es schon ziem­lich ruhig, aber doch war alles wich­tige sub­til erleuch­tet; eine Wer­be­ta­fel für den neuen Suki Redflower-Film bot mir sofort einige AR-Links zu Rezen­sio­nen, Matrix­zi­nes und sons­ti­gem Dreck an. Am Him­mel sah ich noch die Wet­ter­vor­her­sage für Mor­gen; Regen.

Mit der Weile gewöhnt man sich an diese Infor­ma­ti­ons­über­la­dung. Es ist eher sowas wie das Rau­schen einer Lüf­tung, wel­ches man nicht mehr bewusst wahr­nimmt. Man merkt es eigent­lich erst, wenn es fehlt.

So auch, als mein Com­link die Haus­tür auf­machte und ich den Weg zu mei­ner Woh­nung hoch­ging. Der Ver­mie­ter war seit dem Crash 2.0 nicht auf den AR-Zug auf­ge­sprun­gen — keine vir­tu­el­len Klin­gel­schil­der, keine in der AR nach­ge­zeich­ne­ten Trep­pen­stu­fen und Flucht­wege, kein nichts. So sehr ich mich doch auf dem Fisch­markt gegen diese Reiz­über­flü­tung beschwerte — sie war ein Teil von mir. Nicht umsonst habe ich, gerade ich und genau ich, einen im Kopf implan­tier­ten Com­link, den ich mit der Kraft mei­ner Gedan­ken steu­ern kann.

Ich stapfte die Trep­pen­stu­fen hoch, fiel durch meine selbst­en­rie­gelnde Haus­tür und sackte müde auf dem Sofa zusam­men. Die AR mei­ner Woh­nung begrüßte mich; klas­si­sche Musik ertönte aus mei­ner Ste­reo­an­lage, und die Kaf­fee­ma­schine sprang an — und meckerte gleich­zei­tig dadrü­ber, daß die Kaf­fee­vor­räte zu neige gin­gen, und schrieb den Bedarf auf die Einkaufsliste.

Ein Schmun­zeln schlich sich auf mein Gesicht, als ich mir dachte, was wohl Anna, die junge Scha­ma­nin von letz­tens, den­ken würde. Sie würde wahr­schein­lich ange­wi­dert das Haus ver­las­sen, wenn sie bemerkte, was der Sinn hin­ter der gan­zen moder­nen Elek­tro­nik in mei­nem Haus war. Der woh­lige Geruch von Kaf­fee aus der Küche lockte mich.

Schlür­fend über­prüfte ich meine Nach­rich­ten; nichts beson­de­res war pas­siert wäh­rend er auf dem Tref­fen mit dem Schmidt war.

Ich ließ das Tref­fen men­tal Revue pas­sie­ren; nach dem omi­nö­sen Satz des Schmidt wurde uns erklärt, daß wir im Rah­men unse­rer Nach­for­schungs­auf­ga­ben auch das Kame­ra­team für die Repor­te­rin Vicky Vance spie­len dürf­ten, die in der Anlage nach Spu­ren ille­ga­ler Machen­schaf­ten suchen will. Ich wusste nicht, ob man ihr auf­ge­tra­gen hatte, den Dreck am Ste­cken des Ziel­kon­zerns zu fin­den, oder ob sie es ein­fach nur wegen der Publi­city machte.

Zum Glück konnte ich die Rolle des Kamera-Bongos auf unsere komi­sche Elfin abwäl­zen. Sie nennt sich “Mirage”, und ist ihres Zei­chens Adep­tin. Rück­grat hat sie nicht wirk­lich wel­ches, aber es ver­wun­derte mich trotz­dem, daß auf einem so klei­nen und harm­lo­sen Run gleich zwei Mal magi­sches Talent vor Ort war.

Gene­rell fand ich die Aus­wahl mei­nes Teams etwas unglück­lich; der Cyber­sam, Shirase, war ein biss­chen dumm im Kopf, aber er wird ja dafür bezahlt, schnell zu sein und schie­ßen zu kön­nen — und das kann er. Aber sonst war das Team blank — wir hat­ten nicht mal einen Hacker, der uns deckt. Ich hatte mir dann von Dutch Kon­takt zu einer Dame namens “Net­Cat” ver­mit­teln las­sen, wel­che uns hel­fen könnte, wenn wir irgend­was zu erle­di­gen haben, was gehackt wer­den muss. Aber ich hätte einen ech­ten, rei­nen Hacker von uns allein doch begrüßt.

Ich hatte mich dann noch ein biss­chen mit der Adep­tin unter­hal­ten, weil ich her­aus­fin­den wollte, was sie so kann — und es stellte sich her­aus, daß es nicht wirk­lich viel war. Mirage war eine die­ser “mys­ti­schen Adep­tin­nen”, die sowohl zau­bern kön­nen als auch über ver­bes­serte kör­per­li­che Fähig­kei­ten besit­zen. Sprich sie war ein unfä­hi­ges Halb­blut, wel­ches keine der bei­den Künste rich­tig konnte. Ver­dammt noch mal, sie konnte nicht mal die Astra­l­ebene wahrnehmen.

Nach die­ser her­ben Ent­täu­schung (denn sie sah schon ziem­lich gut aus) machte ich mich auch schnell nach Hause auf. Es gab’ in der Yel­low Flag jetzt nichts mehr, was mich hal­ten würde — und warum sollte ich meine Zeit dort mit den Mun­dä­nen ver­schwen­den? Es gibt Wich­ti­ge­res zu tun.

Ich stellte mir einen Wecker auf die rich­tige Zeit Mor­gen früh, wäh­rend ich schon mal den Waf­fen­händ­ler mei­nes Ver­trau­ens über eine sichere Ver­bin­dung ansprach. Irgendwo musste ich ja noch die Gel­mu­ni­tion bis Mor­gen her­be­kom­men. Ein kur­zes Gespräch spä­ter, eine kleine Über­wei­sung, und Mor­gen früh würde am übli­chen Platz meine Muni­tion depo­niert sein; ich könnte sie auf dem Weg zum Treff­punkt aufsammeln.

Alles wich­tige erle­digt machte ich es mir mit etwas Essen gemüt­lich auf dem Sofa. Die Nacht war noch lang, und ich mußte mich wei­ter mei­nem Lieb­lings­thema wid­men: mei­ner Arbeit zur ver­ein­heit­lich­ten Magie­theo­rie. Irgend­wann muss ich mit dem dum­men Ding ja mal fer­tig werden.

Der nächste Mor­gen begann viel zu früh für mei­nen Geschmack. Mit Hilfe eines Wach­ma­chers war ich jedoch schnell wie­der auf den Bei­nen und suchte mir die Aus­rüs­tung für den Run zusammen.

Kurze Zeit spä­ter hatte ich meine Feld­hose und –jacke aus MET2000-Altbeständen an und zog mir die gepan­zerte Weste über. Dabei ver­hed­derte ich natür­lich die Kapuze mei­nes unter­ge­zo­ge­nen Kapu­zen­pull­overs wie­der unter der Weste, typisch. Meine Steyr TMP wan­derte in den Hols­ter im Kreuz, wäh­rend ich die Ingram Smart­gun X mit ihren Gecko­st­rei­fen ein­fach an die Weste klebte; eine Fang­s­chnur sorgte dafür, daß sie nicht viel­leicht doch noch runterfállt.

Ich schnappte mir noch schnell mei­nen Ruck­sack, in dem ich den wich­ti­gen Klein­scheiß für’n Run drin hatte (Was­ser, Med­kit, Seil, und ande­ren Kram, den Leute immer ver­ges­sen). Und meine Crux, die Tasche mit dem Psy­cho, wan­derte vor­sichts­hal­ber auch mit rein. Ich hoffte zwar nicht, daß ich es neh­men müsste, aber man ist ja lie­ber vor­be­rei­tet. Als letz­ten warf ich noch mein Regen­cape über, wel­ches allein durch seine Auf­fäl­lig­keit für Anony­mi­tät sorgte — und prak­ti­scher­weise die Waf­fen vor all zu neu­gie­ri­gen Zuschau­ern verbarg.

So gewapp­net ging ich aus dem Haus und machte mich auf zum Treffpunkt.

Kurze Zeit spä­ter fand ich mich mit den ande­ren Run­nern und einer ner­vi­gen Repor­te­rin in einem Van, der sich selbst über die Auto­bahn gen Duis­burg steu­erte und so unauf­fäl­lig war wie jeder andere nicht schwarz ange­malt Van mit ‘ner Auf­schrift auf der Seite.

Diese Repor­te­rin Vicky war genau das, was ich befürch­tet hatte: eine ziem­lich hohle Tussi. Blond, begra­ben unter Make-up und auch sonst ein­fach nur auf­ge­ta­kelt. Wir sol­len uns irgendwo rein­schlei­chen, aber trotz­dem trug sie glit­zern­den Schmuck und auf­fäl­lige, helle Kla­mot­ten, die sich nur vor einer Kame­ra­l­inse gut machen. Immer­hin hatte sie etwas Ahnung von der Mate­rie — sprich: was es heisst, Repor­ter zu sein — aber sonst wollte man sie am Liebs­ten wegen ihrer Dumm­heit wegsperren.

Anstatt also mit den ande­ren, die auf den Sit­zen des Vans sich unter­hiel­ten, warm zu wer­den machte ich das, was wir Magier häu­fig tun: schla­fen. Zum einen brauch­ten wir das zum Wie­der­her­stel­len unse­rer Kraft, zum ande­ren war es eine her­vor­ra­gende Methode, um alles Ner­vige zu umge­hen, mit dem Deck­man­tel einer guten, mis­si­ons­kri­ti­schen Funk­tion. Ich döste also lang­sam weg.

Zusam­men­ge­fasst: meine Fahrt nach Duis­burg war ruhig und ange­nehm. Jedoch sag­ten mir die Gesich­ter der ande­ren, als der Wagen unsanft anhielt und ich dadurch geweckt wurde, daß sie am Liebs­ten echte Muni­tion in den Waf­fen hätten.

Wir stan­den auf einer Straße irgendwo am Rande von Duis­burg. Dank mei­nem ein­ge­bau­ten Comm­link und GPS wusste ich natür­lich genau, *wo* ich bin, aber ich konnte dem “hier” ein­fach nichts zuord­nen. Ich sah halt ein­fach nur diverse Men­gen von Land­schaft. Etwas Wald­stück hier, Teile einer gro­ßen Indus­trie­farm da, und irgendwo dazwi­schen das Stück Asphalt, auf dem wir uns befanden.

Inzwi­schen hatte ich auch die AR-Informationen über unse­ren Ziel­ort, eine che­mi­sche Lager­an­lage eines unwich­ti­gen klei­nen Kon­zerns, von Vicky geschickt bekom­men. Die Anlage war circa zwei Klicks von hier ent­fernt, und wir muss­ten durch den omi­nö­sen Wald vor uns. Immer­hin etwas Deckung.

Eine gewisse Rat­lo­sig­keit stellte sich ein. Vicky sah uns Run­ner erwar­tungs­voll an, und die Run­ner waren alle sub­til unsi­cher, was sie machen soll­ten. Ich seufzte und bedau­erte es, daß ich auf der Fahrt nicht mehr gemacht hatte als am Anfang die Commlink-Zugänge zu tei­len und so ein tak­ti­sches Netz aufzubauen.

Aber der ein­zige Vor­teil davon war bis­her nur der Mar­ker am Rande mei­nes Sicht­fel­des, der die Rich­tung zum Ziel angab.

Der Wind wehte und liess Mira­ges Man­tel im Winde auf­flat­tern. Shirase stand unbe­ein­druckt in sei­nem irgend­wann ange­leg­ten Cha­mä­leo­n­an­zug dar — hat er sich wäh­rend der Fahrt umge­zo­gen? — und Vicky frös­telte ganz offensichtlich.

Der Wind legte sich wie­der. Alle schau­ten bedröp­pelt zu Boden. Das kann ja hei­ter wer­den, dachte ich mir.

Ich lehnte mich gegen den Van, wäh­rend die ande­ren mich ver­wirrt anschau­ten. Ich schaute leicht amü­siert zurück. “Ich fange dann schon mal mit aus­kund­schaf­ten an”, meinte ich nur. “Und wie gedenkst Du, das zu tun?” fragte Shirase. Mirage schaute mich nur etwas komisch an; ich denke, dass sie etwas ver­mu­tet hatte.

Grin­send ent­spannte ich mich. Ich zog mich in mei­nen Kör­per zurück, und machte etwas, was nur schwer zu beschrei­ben ist: ich ver­liess ihn.

Leave a Reply