Urlaub in Saarbrücken: Kapitel 2 — „Verhandlungssache“

Die Tür summte; ich drückte sie auf. Ein Innen­aus­stat­ter wäre an dem Raum ver­zwei­felt; irgend­wer hatte ver­sucht, ihn im Stil eines alten Segel­schif­fes zu deko­rie­ren. Auf dem ers­ten Blick fiel mir ein gewal­ti­ges Steu­er­rad auf, wel­ches kurz vor der Reh­ling stand, mit Blick auf die unter­ge­hende Sonne.

Es dau­erte einen Moment, bis ich das eigent­lich Uner­warte wahrnahm…

Sonne?

Ich schaute in einen Son­nen­un­ter­gang. Offen­bar wur­den in der AR die Wände durch eine Pan­ora­ma­aus­sicht ersetzt, so daß es aus­sieht, als ob ich tat­säch­lich auf einem Kaper­schiff in der Kari­bik ste­hen würde. Ein Mast ragte vor mir empor und ver­lor sich nach oben in den Him­mel. Ich schüt­telte den Kopf. Die­ser ver­dammte BTL, an dem ich mich so ver­brannt hatte. Kom­plette Erset­zun­gen der Rea­li­tät, auf diese extreme Art und Weise, damit hatte ich seit­dem immer Pro­bleme. Irgend­was ist da schief ver­drah­tet gewe­sen, und ich zahle jetzt den Preis für den Leichtsinn.

Als ich die AR aus­schal­tete, ver­wan­delte sich der Raum in eine Kapi­täns­ka­jüte. Ein paar ver­ein­zelte, aber den­noch ele­gante Gar­de­ro­ben und Tru­hen, die offen­sicht­lich aus ver­schie­de­nen Quel­len stamm­ten, stan­den im Raum ver­teilt. An den höl­zer­nen Wän­den hin­gen Klet­ter­netze, wie man sie aus alten Trids von Schiffs­flan­ken kennt. Und in der Mitte des Raums weil­ten antik anmu­tende Lehn­stühle um einen holz­ver­ta­fel­ten Konferenztisch.

In einem der Stühle saß der Herr Schmidt. Nichts unter­schied ihn son­der­lich von dem typi­schen Herrn Schmidt: ein übli­cher, fein sit­zen­der Anzug –also schon­mal sicher, daß Geld hin­ter steckt– und ein Aller­welts­ge­sicht. Er begrüßte mich. Kein Schmuck und keine Schnör­kel. “Neh­men sie Platz, wir war­ten noch auf einen ihrer Kollegen.”

Ich löste mein gel­bes Schutz­cape und schwang es über die Rücken­lehne einer der Stühle; von einem Zip­fel tropfte es ste­tig auf den Fuß­bo­den hinab und hin­ter­ließ eine kleine Pfütze auf dem Holz. Auf dem Stuhl Platz neh­mend betrach­tete ich den ande­ren Men­schen im Raum. Mir gegen­über saß ein asia­ti­scher Typ, sehr kräf­tig gebaut; er trug einen typi­schen lan­gen Leder­man­tel, wel­cher förm­lich “Run­ner” schrie, da ihn schein­bar jeder anhat. Ich habe auch so einen zu Hause, fällt mir ein.

Als ich mir das Gesicht anschauen wollte, schaffte ich es nicht, mir Details zu mer­ken; das ein­zige, was sich die ganze Zeit in den Vor­der­grund mei­ner Wahr­neh­mung schob, war die Tat­sa­che, daß seine Augen gele­gent­lich die Farbe änder­ten. Ein Teil von mir sagte sich “Cyber­au­gen, was stört Dich das so sehr?”, aber ein ande­rer Teil ant­worte “Ja, Cyber­au­gen.. Aber WARUM ändert er die Augen­farbe?”. Ich machte ein Bild mit mei­nen eige­nen Cyber­au­gen und hef­tete es im Com­link ab; das musste rei­chen. Ebenso spei­cherte ich mir ein Bild vom Schmidt.

Der Neu­gier hal­ber wech­selte ich meine Sicht in die astrale Ebene; die Welt um mich herum ver­blasste, die Gegen­stände wur­den zu schwach leuch­ten­den, sche­men­haf­ten Umris­sen. Einige der Möbel waren recht deut­lich zu erken­nen, also wohl tat­säch­lich alt; der Rest aber zeigte sich sehr ver­schwom­men und war wohl neu. Dem Schmidt seine Aura war ganz nor­mal; er war ein voll­kom­men nor­ma­ler Mensch, ohne irgend­wel­che Modi­fi­zie­run­gen –abge­se­hen von dem Comm­link in sei­nem Kopf-, und ziem­lich gelas­sen. Nicht seine erste Rolle als Schmidt, offenbar.

Mein Blick fiel auf den Asia­ten, und ich war nicht wirk­lich über­rascht, was ich sah: seine Aura war sehr schwach und von schwar­zen Fle­cken über­säht; die Unrein­heit sei­nes Kör­pers wie­derte mich schon fast kör­per­lich an. Er war so voll­ge­la­den mit Cyber­ware, wel­che die Essenz sei­nes Kör­pers zer­störte, daß es sofort klar war, warum er hier in der Runde saß: der Asiate würde die Mus­kel­kraft die­ses Runs sein, denn er war, was man Stra­ßen­sa­mu­rai nannte. Ein Mensch, der sich zur Kriegs­ma­schine auf zwei Bei­nen hat ummo­de­lie­ren lassen.

Sams waren mir immer etwas unheimlich.

Ich ver­suchte, was zu bestel­len; in der AR (wel­che ich dies­mal mit einem Fil­ter, wel­cher den Pan­ora­ma­aus­blick weg­warf, genoss) tauchte ein Icon auf. Schein­bar war eine der Tru­hen eine Art Mini­bar; ich fragte mich, was ich in den ande­ren fin­den würde. Bes­ser nicht nachschauen.

In der Truhe, die sich mit einem authen­ti­schen Quiet­schen öffnete –ver­dammt, schon wie­der AR, das war nicht echt– waren diverse Erfri­schungs­ge­tränke und Alko­ho­lika. Ich nahm mir ein kal­tes Was­ser. “Möchte sonst noch jemand was?”

Von dem Samu­rai kam nur ein selt­sam hohes und nasa­les “Nein danke”; der Schmidt schwieg. Ich zuckte mit den Ach­seln und schloß die Truhe wieder.

Der erste Schluck des küh­len Was­sers erfrischte noch mei­nen Rachen, als sich die Tür ein wei­te­res Mal öffnete. Ich ver­schluckte mich fast, denn eine ziem­lich gut aus­se­hende junge Elfin kam zur Tür her­ein. Ein leicht über­trie­be­nes “Hi!” ver­säu­erte den Ein­druck etwas. Der Schmidt begrüßte sie auch, und sie nahm gra­ziös Platz.

Ich muß wohl etwas offen gegafft haben, denn sie drehte den Kopf zu mir und, wäh­rend ihr lan­ges, schwar­zes Haar noch hin­ter­glitt, warf mir einen Blick zu, der voll­kom­men wort­los “Wenn Du wei­ter gaffst, darfst Du zah­len” sagte. Schwe­ren Her­zens wandte ich den Blick ab, nach­dem ich noch ein paar wei­tere Bil­der gemacht habe und sie auf dem Com­link lagerte.

Der Schmidt räus­perte sich; unsere Köpfe dreh­ten sich zu ihm, und er fing an zu reden.

“Guten Abend, die Dame, die Her­ren. Es freut mich, daß sie so kurz­fris­tig für mich bereit­ste­hen konnten.”

Die Nach­richt, daß ein Auf­trag offen war, erreichte mich erst vor zwei Stun­den. Ich hatte mich gerade zu Hause ruhig vor dem Trid ein­ge­fun­den und war am Zocken, als mein Schie­ber Horst mir eine Nach­richt zuschob. Offen­bar tat er Dutch einen Gefal­len, denn sonst würde er mir wohl schwer­lich ein frem­des Job­an­ge­bot wei­ter rei­chen. Egal; auf jeden Fall hieß es nur, daß auch ein Magier gesucht wird, und Horst hat mich wohl weitervermittelt.

Ich bin ohne gewollte Umwege her gekom­men (was nicht viel heisst in die­ser Stadt), und war gerade noch recht­zei­tig da. Von daher war es wirk­lich knapp.

“Wie sie sich sicher­lich vor­stel­len kön­nen habe ich ein Ange­bot für sie. Der nette Herr unten hat mir sie wei­ter­emp­foh­len, und ich werde ihre Talente für die Mis­sion brauchen.”

Um mich herum herrschte Schwei­gen; ein­zig die Elfin nickte leicht. Ent­we­der hatte ich es mit knall­har­ten Pro­fis oder abso­lu­ten Anfän­gern zu tun. Ich begnügte mich mit einem Nei­gen mei­nes Kop­fes als Reaktion.

Der Schmidt fuhr fort: “Es geht um einen recht ein­fa­chen Auf­trag zur Per­so­nen­be­schüt­zung und Infor­ma­ti­ons­be­schaf­fung. Wir brau­chen sie, um eine unse­rer Ange­stell­ten bei einer Infil­tra­tion zu beschüt­zen. Des­wei­te­ren sol­len sie ihr bei ihrem eigent­li­chen Auf­trag hel­fen, her­aus­zu­fin­den, was am Ziel­ort vorgeht.”

“Für uns ist es wich­tig, daß sie nie­man­den ver­let­zen. Wenn jemand tät­lich ver­letzt wird, so wäre das für die Ope­ra­tion fatal. Es sei ihnen vor­be­hal­ten, sich in die­ser Hin­sicht selbst zu ver­sor­gen. Sollte vor Ort beson­dere Aus­rüs­tung von Nöten sein, so wird sie von uns zur Ver­fü­gung gestellt.” Der Samu­rai rutschte auf dem Stuhl umher; schein­bar passte ihm DAS gar nicht. Mich machte die Erwäh­nung der beson­de­ren Aus­rüs­tung stutzig

“Was wird das Ziel genau sein?” fragte ich. der Samu­rai blickte wei­ter des­in­ter­es­siert nach vorne, aber die Elfe schaute mich an. Wenn sie jetzt nur noch etwas lächeln würde. Click.

“Eine kleine che­mi­sche Ver­ar­bei­tungs­lage bei Duis­burg. Nähe­res kann ich ihnen jetzt natür­lich noch nicht nen­nen.” Na toll. Schlech­tes Hin­ter­grund­ni­veau für die Mana, und wahr­schein­lich auch noch von der Domäne her nicht kom­pa­ti­bel. Aber ich wollte nicht meckern.

Ein wei­te­res Schwei­gen fiel; aber dies­mal sagte kei­ner der Anwe­sen­den etwas.

Ich räus­perte mich leicht. Die Bli­cke aller ande­ren fie­len auf mich. “Von mei­ner Seite aus sehe ich kein Pro­blem. Die Frage der Bezah­lung steht noch aus.” Immer­hin muss ich meine Miete zusammenbekommen.

Schmidt wie­der: “Ah… ja. Bezah­lung. Selbst­ver­ständ­lich. Mein Bud­get sieht eine Bezah­lung von 5.000€ pro Kopf vor; soll­ten sie außer­or­dent­li­cher Gefahr aus­ge­setzt sein, so dür­fen sie mit einer Kom­pen­sa­ti­ons­zah­lung rech­nen.” Im Gedan­ken rech­nete ich es kurz durch; drei Monate, wenn ich das Geld streckte. Mein teu­rer Lebenst­til kommt mir mal wie­der schlecht zu stehen.

“Eine Sache noch”, fuhr ich fort. “eine Vor­zah­lung wär’ gut, damit man sich noch mit für den Auf­trag geeig­nete Muni­tion ein­de­cken kann.”

Ein Lächeln spielte über die Lip­pen des Schmidt. “Natür­lich, Ich habe nichts ande­res erwar­tet. 1.000 im Vor­aus, 4.000 danach.” Ich bin sonst nie Ver­hand­lungs­füh­rer, aber irgend­wie fühlte ich mich so, als hátte ich einen klei­nen Erfolg verbucht.

“Sind alle ein­ver­stan­den?” fragte unser ver­mut­lich nächs­ter Bröt­chen­ge­ber. Nicken reihum.

“Gut, Der Treff­punkt ist Frei­tag Nacht, 21.00. Die Koor­di­na­ten wer­den ihnen über­mit­telt.” Sprach’s, und geschah: am Rande mei­nes Blick­fel­des wurde ich über eine neue Nach­richt infor­miert. Der Treff­punkt war irgein­d­ein Park­platz, nichts besonderes.

Sein Blick ver­schwand in die Ferne; er schaute wohl etwas in der Matrix nach.

“Wie ich sehe, hat lei­der kei­ner von ihnen die nöti­gen Spe­zi­al­fä­hig­kei­ten, die für die­sen Auf­trag gebraucht wür­den. Das macht nichts; ein klei­ner Crash­kurs wird sicher­lich genügen.”

Jetzt war die Elfe an der Reihe, zu spre­chen. “Um was für einen Crash­kurs han­delt es sich denn?”

Das Grin­sen des Schmidt war leicht irri­tie­rend. “Eine Aus­bil­dung an Filmkameras.”

About towo
towo has been writing stuff on the Internet on and off for years. He also thinks that author blurbs are silly.

Speak Your Mind

Tell us what you're thinking...
and oh, if you want a pic to show with your comment, go get a gravatar!