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Urlaub in Saarbrücken: Kapitel 1 — „Licht und Schatten“

Es war ein kal­ter, feuch­ter Abend in Ham­burg. In den Kur­ven merkte ich, wie die Rei­fen mei­ner Yamaha Grow­ler leicht über den feuch­ten Asphalt rut­schen. Der Regen pras­selte uner­bit­ter­lich; unter mei­nem auf­fäl­li­gem gel­ben Schut­zum­hang trug ich zusätz­lich noch eine Schutz­brille und eine Atem­maske, wel­che mich zu einem wei­te­ren der vie­len Gesichts­lo­sen auf der Straße mach­ten. Ein Tag wie jeder andere.

Ich näherte mich dem Fisch­markt. Das Ver­kehrs­leit­sys­tem, wel­ches ich über meine Augen in mein Sicht­feld ein­ge­blen­det hatte, sagte mir, daß es noch Park­plätze in einem der bewach­ten Park­häu­ser gibt. Wäh­rend ich mich im Wind­schat­ten eines Trans­por­ters durch den Ver­kehr bewegte, reser­vierte ich schon mal einen Motor­rad­kä­fig auf meine aktu­elle SIN vor. Zumin­dest glaubte das Sys­tem, es sei meine.

Der Trans­por­ter hatte offen­bar das selbe Ziel, denn als gerade ein ARO auf­tauchte, der mich auf das Park­haus hin­wies, blinkte der Wagen vor mir und fuhr ein. Mit einem klei­nen Respekt­ab­stand folgte ich, und fuhr die Rampe hin­auf. Im Hoch­fah­ren merkte ich, daß die Rampe abklap­pen konnte, und so effek­tiv die Ein­fahrt ver­sper­ren würde, wenn die Wachen dies für nötig erachteten.

Die Kasse war eine ziem­lich übel aus­se­hende Schranke mit zwei gepan­zer­ten Häus­chen an bei­den Sei­ten. Min­des­tens zwei Maschi­nen­ge­wehre waren auf mich gerich­tet, und ich hatte keine Ahnung, wel­che pas­si­ven Fal­len die Schranke alles bereit­hielt. An die Schei­ben der Kas­sen­häu­ser war (von innen) ein “HanSec-geprüft”-Aufkleber ange­bracht wor­den. Schmier­gel­der zahl­ten sie also auch.

Die Schranke schloß sich hin­ter dem Trans­por­ter, wel­cher sich dahin­ter zügig wei­ter­be­wegte. Ich fuhr bis zur Mar­kie­rung auf dem Boden vor. Ohne eine reale Stimme mel­dete sich die Park­haus­ver­wal­tung direkt mit einem AR-Popup in mei­nem Sicht­feld, und ich über­mit­telte meine Reser­vie­rungs­da­ten. Der Ver­trag erschien, sowohl als lau­fen­der Text als auch als Datei­an­hang. Mein Comm­link saugte ihn sich auto­ma­tisch. Ein kur­zes Drü­ber­spä­hen liess den Ver­trag unbe­denk­lich wir­ken; ich wil­ligte ein. Eine Ein­wei­sung zu mei­nem Abstell­platz und die Gebüh­ren­ord­nung folg­ten auf der Stelle, und im Kas­sen­haus wurde ein Licht grün. Die Schranke öffnete sich.

Ich fuhr ein und zügig zu mei­nem reser­vier­ten Platz. Die Kurz­par­ker­kos­ten waren noch ganz erträg­lich, und ich zahle lie­ber ein paar Euro als dass ich mich am Ende dazu genö­tigt sehe, mir ein neues Motor­rad zu kau­fen, weil ein vor­bei­lau­fen­der Gan­ger meint, daß meine Grow­ler zu ver­lo­ckend ist, um sie ste­hen zu las­sen. Gerade mit den Anpas­sun­gen an mei­ner Kiste käme das ungelegen.

Außer­dem bezwei­felte ich, daß ich son­der­lich lange bei Dutch zubrin­gen würde. Dies sollte ein ein­fa­ches Gespräch wer­den; ich erwar­tete keine Schwierigkeiten.

Ich stellte die Grow­ler ab, sagte dem Käfig, er sollte sich sichern, und ver­ließ über den mit vir­tu­el­len Fuß­stap­fen mar­kier­ten Weg das Park­haus. Auf dem Weg sah ich eine Gruppe von Leu­ten, die mich mus­ter­ten. Sie waren alle unter ihrer Klei­dung in unauf­fäl­lige Kör­per­pan­ze­rung geklei­det und tru­gen lange, schwere Leder­um­hänge. Ich sah keine offen­sicht­li­chen Waf­fen, aber das brauchte ich auch nicht.

Sie beäug­ten mich wei­ter, als ich an ihnen vor­bei zum Aus­gang stapfte. Ich nickte ver­ständ­nis­voll und wen­dete den Blick ab. Andere Run­ner, die sich auch gerade auf einen Run vor­be­rei­ten. Wir waren eigent­lich alle gar nicht hier. Solange das jeder ver­stand war alles okay.

Drau­ßen ange­kom­men blickte ich mich um. Vor mir erstreckte sich der Ham­bur­ger Fisch­markt, ein leuch­ten­des und stin­ken­des Spek­ta­kel. Mein Ziel war das Yel­low Flag, eine kleine Bar direkt an der Elbe. Schein­bar eine ehe­ma­lige pri­vate Werft. Die Karte sagte mir, daß der ein­zige Weg dahin über die Pon­ton­brü­cken des Fisch­mark­tes führt.

Ich hatte gehofft, daß es eine Route am Fisch­markt vor­bei geben würde, aber lei­der mußte ich zu Dutchs Bar vom Park­haus aus ein­mal quer durch den gan­zen Markt. Ich über­prüfte noch mal kurz den Sitz mei­ner Kla­mot­ten, und fühlte auch nach dem beru­hi­gen­den Gewicht der Steyr TMP in ihrem Rücken­hols­ter. Nicht, daß ich erwar­tete, sie zu brau­chen, aber es war trotz­dem beru­hi­gend, andere Waf­fen dabei zu haben außer sich selbst.

Zur Sicher­heit schal­tete ich meine AR-Wahrnehmung aus. Die Schul­tern ange­zo­gen elbogte ich mir mei­nen Weg in den Fischmarkt.

Der Fisch­markt in Ham­burg ist eigent­lich eine Fehl­be­zeich­nung. Frü­her wurde hier viel­leicht Fisch ver­kauft, aber inzwi­schen fin­det man auf den durch Pon­ton­brü­cken ver­bun­den Märk­ten so unge­fähr alles — außer Fisch. Auf­ge­baut wie ein klas­si­scher deut­scher Markt fin­det man hier abar­ti­ges Soja­es­sen, die neu­es­ten raub­ko­pier­ten Unter­hal­tungschips, Beglei­tung für die Nacht oder das Arse­nal, um ande­ren den Tag zu ver­mie­sen. Dem­ent­spre­chend war auch die Kli­en­tel des Fisch­mark­tes eher schattig.

Sollte man den Feh­ler machen, hier als nor­ma­ler Bür­ger der ADL sei­nen Kopf bli­cken zu las­sen, so hatte man ein Pro­blem. Ehe man sich ver­sah hätte man seine Iden­ti­tät gestoh­len bekom­men, und sobald man an einer Seite des Fisch­mark­tes wie­der aus der Menge her­vor­brach würde man Pro­bleme haben, irgend­wel­ches Geld auf den eige­nen, nun leer­ge­räum­ten Kon­ten zu fin­den; die Iden­ti­tät wäre kopiert und für min­des­tens ein Dut­zend Straf­ta­ten genutzt wor­den, und oben­drauf wäre man auch noch so rich­tig phy­sisch aus­ge­raubt wor­den — wenn man nicht schon als Was­ser­lei­che zwi­schen den Pon­tons des Fisch­mark­tes schwamm.

Da ich zu den schat­te­ri­gen Gesel­len gehörte stellte der Markt für mich kein Pro­blem da. Ein Ama­teur von Lang­fin­ger ver­suchte aber trotz­dem, mich zu besteh­len — sein Feh­ler. Als er ver­suchte, in meine Taschen zu grei­fen, packte ich ihn mir. Er zuckte noch kurz, und dann sackte er bewusst­los zusammen.

Die umste­hende Menge schenkte die­sem Zwi­schen­fall keine Beach­tung, und gab’ sich nur ober­fläch­li­che Mühe, dem zusam­men­ge­sack­ten Kör­per aus­zu­wei­chen — die Meis­ten rem­pel­ten gegen ihn oder rann­ten über ihn hin­weg. Und bestimmt würde ihm gleich zufäl­lig wer so anrem­peln, daß seine Hab­see­lig­kei­ten aus­ser­ver­se­hen aus sei­nen Taschen fie­len. Taschen­diebe konnte ich noch nie aus­ste­hen; ich bewegte mich zwi­schen dem Geschrei der Stand­schreier wei­ter durch die Massen.

Mal brüllte ein Waf­fen­händ­ler, der laut seine neue Lie­fe­rung von AK-101 zu ver­scher­beln ver­suchte, und mal kam von irgendwo anders das lust­volle Stöh­nen einer der Damen der Nacht. Auf eine gewisse Art und Weise war es male­risch. Pro­be­weise sagte ich mei­nem Comm­link, daß es die Infor­ma­tio­nen der Matrix, wel­che hier im Fisch­markt aus­ge­strahlt wur­den, über die Rea­li­tät ein­blen­den sollte.

Diese digi­tale Über­la­ge­rung, die wir gemein­hin “aug­men­ted rea­lity” (zu Deutsch “erwei­terte Rea­li­tät”), oder kurz AR, nann­ten, konnte zugleich höchst nütz­lich, aber auch extrem ver­wir­rend, sein. So wie hier im Fisch­markt. Über­all in der Luft tauch­ten Wer­be­sym­bole auf, aber zugleich erstrahlte auch alles in einem Glanz, der die Welt far­ben­fro­her, fast ‘ech­ter’ erschie­nen ließ, als sie eigent­lich war.

Was ich bemerkte war, daß selbst der pas­sive Spam inzwi­schen uner­träg­lich gewor­den war, wenn man ihn nicht weg­fil­terte. Mein Comm­link war nicht sicht­bar für die gan­zen Geräte, die ihre Wer­bung direkt an Leute ver­schick­ten — aber es gab genug Dinge, die ein­fach durch Prä­senz ver­such­ten, auf sich auf­merk­sam zu machen; man hatte prak­tisch keine Chance mehr, zu ent­flie­hen — bis man, wie ich, sei­nen Spamfilter-Agenten aktiv schaltete.

Sofort wurde der vir­tu­elle Glanz erträg­li­cher, und nur noch ver­ein­zelt mußte ich Spam ertra­gen, der aber meist unauf­fäl­lig und dozil daher­kam, wes­we­gen er nicht vom Fil­ter erwischt wurde. Mei­nen Viren­fil­ter hatte ich selbst­ver­ständ­lich immer aktiv; wenn meine Augen auf ein­mal aus­fal­len wür­den, weil ich mir leicht­sin­nig einen Virus ein­ge­fan­gen habe, wäre das nichts, was man leicht­fer­tig abtun könnte.

Wenn man der AR zu glau­ben ver­mochte, so bewegte sich hier kein ein­zi­ger Mensch; alle hat­ten ihre Comm­links im pas­si­ven oder ver­steck­ten Modus, wes­we­gen die Men­schen­mas­sen, durch wel­che ich mich bewegte, zu einer Geis­ter­schar ver­blass­ten im Kon­trast zu all den Stän­den und Läden, die auf­leuch­te­ten, wäh­rend sie ihre Daten in die Welt schoben.

Ich schal­tete die AR wie­der aus. Selbst wenn es der gan­zen Sache eine unver­gleich­li­che Schön­heit ver­lieh, so machte es einen doch blind für die ech­ten Gefah­ren; den Men­schen, die sich im Schat­ten die­ses Glan­zes beweg­ten, ganz dar­auf erpicht, nicht gese­hen zu wer­den bis es zu spät war.

Kopf­schüt­telnd schritt ich wei­ter fort zur Yel­low Flag; meine Para­noia ergriff wie­der die Über­hand. Ich wußte genau, daß ich mit jedem fer­tig würde, der mir schräg käme.

Die Yel­low Flag sah von Außen recht her­un­ter­ge­kom­men aus. Her­un­ter­ge­kom­men war eigent­lich kein Aus­druck; es sah aus wie eine Bruch­bude. Grob zusam­men­ge­zim­mert aus Holz­bal­ken und –lat­ten, mit einem Well­blech­dach und einem Neon­schild, des­sen “E” in Yel­low Flag aus­ge­fal­len und nicht mehr sicht­bar war. Es sah so aus, als wäre der Laden frisch aus der Kari­bik geklaut und hier­her ver­pflanzt wor­den. Ich hätte noch erwar­tet, dass eine alte Salon-Schwingtür aus gamm­li­gen Holz das Ambi­ente vervollständigte.

Als ich durch die recht nor­male Tür schritt, merkte ich, daß die Fas­sade nur genau das war; der Tür­rah­men war in einer recht dicken Stahl­wand ver­senkt, die offen­bar als eigent­li­che Wand diente. Das äußere Dekor war nur geschickt täu­schend ange­bracht. Drin­nen traf ich auf polier­ten Holz­bo­den, einige voll­stän­dig bestuhlte Tische, und eine recht gemüt­lich anmu­tende Bar. Hin­ter die­ser Stand ein Mann wie ein Schrank; ich konnte seine Her­kufnt nicht wirk­lich zuord­nen, aber ich ver­mu­tete, daß er Jamai­ka­ner war. Sein Kopf war kahl­ge­scho­ren, und trotz der Dun­kel­heit trug er eine Son­nen­brille. Schwarze Jeans, ein wei­ßes Shirt und eine oliv­grüne Ret­tungs­weste ver­voll­stän­dig­ten das Outfit.

Laut der Beschrei­bung, die ich hatte, war das wohl Dutch. Er putzte gleich­gül­tig einige Glä­ser hin­ter der Theke und hob den Blick, um mich anzu­schauen. Ver­mu­tete ich.

Mit ruhi­gen Bewe­gun­gen zog ich mei­nen Rebrea­ther vom Gesicht und die Schutz­brille hoch. Die Kapuze das Capes wan­derte auch in den Nacken.

Ich räus­perte mich. Die ande­ren Bei­den an der Bar, zum einen eine recht attrak­tive Frau in kur­zen Jeans­shorts und einem schwar­zen Tank Top, ihre magen­ta­far­be­nen Haare zu einem Pfer­de­schwanz zusam­men­ge­bun­den, und ein typi­scher japa­ni­scher Anzug­trä­ger, wenn auch ohne Jackett, dreh­ten sich beide zu mir um. Der Blick der Frau ließ meine Blut­tem­pe­ra­tur sinken.

Meine Fas­sung sam­melnd schaute ich Dutch an und fragte nach “Herrn Schmidt” — flüs­si­ger als erwar­tet. Die Frau, wel­che asia­ti­sche Züge hatte, die ich auch nicht ein­ord­nen konnte, ver­suchte wei­ter, mich mit Bli­cken zu durch­boh­ren. Der Japa­ner schmun­zelte sogar. Dutch brummte etwas und zeigte auf eine Treppe. Ich schlen­dere kon­trol­liert lang­sam hin und stieg hoch, war dann aber froh, end­lich raus zu sein aus dem Raum.

Am Ende der Treppe war ein klei­ner Flur; neben den Toi­let­ten war eine recht solide wir­kende Stahl­tür mit der Auf­schrift “Pri­vat”. Eine wei­tere Stahl­tür trug die Auf­schrift “Kon­fe­renz­raum”. Ich drückte auf den Türöffner.

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