ydal

Nichts gesehen (de)

Ihre Schreie waren schon vor eini­ger Zeit ver­stummt; inzwi­schen unter­malte nur ein lei­ses Wim­mern ihre fort­wäh­rende Qual.

Eigent­lich wollte sie nur noch eben schnell ein­kau­fen gegan­gen sein, noch einige Zuta­ten für die Fei­er­lich­kei­ten an die­sem Abend holen. Wie so üblich hat­ten die Läden natür­lich wie­der genau die Zuta­ten nicht mehr vor­rä­tig, die sie brauchte — das tra­di­tio­nelle Essen würde also mal wie­der aus­fal­len. Nicht, daß sie es anders erwar­tet hätte, denn sie glaubte inzwi­schen fest daran, daß es Absicht war. Mit ihrer mage­ren Beute machte sie sich dann wie­der auf den Heimweg.

Die Tüte liegt immer noch da, wo sie sie auf der Straße hat fal­len las­sen. Wenn sie sich anstrengte, konnte sie gerade noch ihren Kopf so recken, daß sie die Straße erblickte. Er schlug sie, und ihre Sicht ver­schwamm. “Du sollst dich nicht bewe­gen, ver­dammt!” schrie er. “Seid ihr Leute denn für alles zu dumm?!” Und die in Wel­len kom­mende Schübe ihrer Pei­ni­gung gin­gen fort­wäh­rend wei­ter, wäh­rend sein hei­ßer Atem ihre doch so andere Haut befeuchtete.

In der Ferne begann der Gebets­ruf. Sie hörte die melo­di­schen Klänge in ihrer fort­wäh­ren­den Wie­der­ho­lung, die­ses Ritual, wel­ches sie jetzt schon so oft gehört hatte.

Drau­ßen auf der Straße gin­gen Leute vor­bei, aber kei­ner schien etwas zu bemer­ken. Sie gab auf und ließ es ein­fach geschehen.


Spä­ter stand im Lokal­teil der Zei­tung, daß nie­mand etwas gese­hen hätte. “Sie wis­sen ja, wie das ist, bei denen kann man nie erken­nen, was denn jetzt so Sache ist.”

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