Der schmale Schatten hinter mir

Ich fragte mich oft, warum die Men­schen mich immer so selt­sam anschauten.

Es war, als hätte ich irgend­eine große Narbe auf der Stirn. Dau­ernd schauen die Leute mich für einen kur­zen Blick, der vor Ent­set­zen nur so strotzte, an, wenn ich sie frisch ken­nen­lerne. Ich habe keine Ahnung, was ihnen da durch den Kopf geht. Immer, wenn ich sie danach frage, sagen sie, daß da nichts sei, und es nur irgend­eine Zuckung war.

Ich glaube ihnen nicht, denn einige schauen immer noch an die glei­che Stelle dabei, wenn sie das sagen; eine Frau wurde sogar mal bleich.

Aber selbst wenn ich mich im Spie­gel anschaue oder Pho­tos von mir mache, so sehe ich doch nie, was denn bitte unge­wöhn­lich sein soll. Ich habe sol­che Bil­der auch schon mal Leu­ten aus dem Inter­net geschickt, die mich nicht kann­ten: nie­mand hatte da irgend­was aus­zu­set­zen oder ein Pro­blem mit.

Doch immer, wenn sie mich dann doch mal sahen, ergriff sie für genau jenen kur­zen Moment das pure Grauen. Einige wirk­ten, als hät­ten sie gerade eine Lei­che gese­hen, andere, als würde man ihnen ein Mes­ser zwi­schen die Rip­pen ram­men, und wie­der andere, als wäre ich ein Ungeheuer.

Wenn sie dann mit mir reden ist aber alles nor­mal. Nur wenige zucken mit den Augen noch nach oben, um diese komi­sche Stelle zu begut­ach­ten. Mich irri­tiert das umso mehr.

Aber nie­mand will mir sagen, was es ist.


Letz­tens ver­brachte ich etwas Zeit in einer die­ser modi­schen Kaf­fee­bars. An einem der andere Tische saß ein jun­ges Mädel, in die­sem Emo­s­til geklei­det, und schaute regel­mä­ßig zu mir her­über. Ich glaubte, daß auch sie mir auf mein mys­te­riö­ses Merk­mal schaut. Verstörend.

Einige Zeit spä­ter war sie weg. Ich hatte nicht wirk­lich bemerkt, daß sie gegan­gen ist, aber sie war ja auch nur ein Emo. Ich sah aber, daß an ihrem Platz noch etwas Papier lag. Ich hatte bemerkt, daß sie am Schrei­ben war, und wo sie doch die ganze Zeit zu mir rüber geschaut hatte, da packte mich jetzt die Neugier.

Ich ging hin­über zu ihrem Platz und nahm mir das Blatt. Es war in einer ecki­gen, abge­hack­ten Schrift beschrie­ben, ganz ungleich der flie­ßen­den, goti­schen Schrift, die ich jetzt erwar­tet hatte. Geschrie­ben stand:

“Er sitzt mir gegen­über. Er weiß es nicht. Er hat ein Mons­ter hin­ter sich, lang und dünn ragt es hin­ter sei­nem Kopf her­vor. Es ist pech­schwarz, mager wie ein Ske­lett. Nur die Hände sind weiß — und das kno­chige Gesicht, wel­ches ein angst­ein­flö­ßen­des Lächeln beher­bergt. Krank­haft lange, fili­grane Fin­ger stre­cken sich von die­sem Ding fort und schei­nen ihm in den Kopf zu ste­chen. Immer, wenn er sich wen­det, fließt es mit. Es bleibt immer hin­ter ihm. Er weiß nicht, daß es da ist. Es hat kein Spie­gel­bild. Es ist der pure Ter­ror. Sobald man ihn anschaut, wen­det sich das Mons­ter einem zu und grinst einen an. In die­sem Grin­sen… da ist eine Dro­hung. Ich habe Angst. Ich muß gehen.”

Ich sackte auf den Stuhl zurück. Sowas kann doch nicht wahr sein.

Es würde alles erklä­ren, aber es kann doch echt nicht wahr sein. Es gibt keine Mons­ter, sowas gibt es nicht. Das kann nicht sein.

Ich ver­suchte, hin­ter mich zu schauen. Ich ver­suchte, mich schwung­haft umzu­dre­hen, um irgend­et­was, was hin­ter mir sei, zu über­ra­schen. Die Leute schau­ten mich komisch an, als ich mich durch die Bar wand. Ängst­lich. Eine der Damen vom Per­so­nal bat mich, die Örtlich­kei­ten zu ver­las­sen. Ich schaute sie böse an, und sie zuckte merk­lich zusammen.

Ich ging.


Vor eini­gen Tagen habe ich erfah­ren, daß das junge Mädel gestor­ben ist. Das machte mir Angst. Ich habe ange­fan­gen, mich weni­ger mit Men­schen abzu­ge­ben. Meine Angst davor, daß noch jemand ster­ben muß, weil sie sich wagen, die­ses Ding zu erwäh­nen, ist uner­meß­lich. Wie soll man so etwas ver­ant­wor­ten kön­nen? Wer kann mir helfen?

Warum trifft sowas gerade mich?


Ich bin mal wie­der ein­kau­fen. Wie­der in einem neuen Laden; ich will nicht, daß die Leute sich zu sehr an mich gewöh­nen. Eine Frau ver­sucht, mich anzu­lä­cheln. Ich run­zele die Stirn und gebe ihr einen bösen Blick. Sie wen­det sich ab.

Die Ver­käu­fe­rin schaut mich an. Sie schaut nicht auf meine Stirn, oder an mir vor­bei. Sie schaut mich direkt an. Schein­bar ist das Vieh cle­ve­rer gewor­den, so daß es nicht mehr auf­fällt, wenn es Leute einschüchtert.

Ich darf nicht zurück­fal­len, ich muß einen Schritt vor­aus sein. Ich gebe ihr das Geld und wende mich ab, und rette sie durch meine Ignoranz.

Die­ses Mons­ter wird keine Chance mehr bekom­men, ande­ren Leu­ten weh zu tun. Nicht, solange ich sie nicht vor­her ver­trei­ben kann.

Sunday, December 13th, 2009 Stories

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