Auf dem Heimweg

Es ist Win­ter, und der Tag war lang. Obwohl es erst kurz vor fünf ist, so ist die Sonne doch schon ver­schwun­den, und Du fährst im Dun­keln heim.

Die Men­schen am Bar­ba­rossa­platz drän­gen sich vor der Stra­ßen­bahn; der Win­ter nähert sich wie­der, die Tem­pe­ra­tu­ren fal­len in Rich­tung 0. All die Leute wol­len nur mög­lichst schnell nach Hause, in die warme Stube, weg von ihrem Berufs­all­tag und rein in die pri­vate Zuflucht.

Auch Du fährst gerade mit einer Freun­din nach Hause. Die Stra­ßen­bahn kommt und ihr steigt ein, vor­sich­tig durch den Strom der Men­schen kämp­fend. Ihr wer­det umher­ge­scho­ben, da andere Leute sich hef­tig durch die Menge drän­geln. Einige von ihnen erkämp­fen sich sogar einen Sitz­platz, doch viele brei­ten sich ein­fach nur im Ein­gangs­be­reich aus, unacht­sam der ver­ein­zel­ten Sitz­plätze, die man noch bekom­men kann.

Deine Freun­din und Du, ihr seht ein paar Sitz­plätze an ver­schie­de­nen Bän­ken.. Mit einem Nicken teilt ihr euch auf, und Du setzt Dich an einen noch freien Platz. Du wech­selst ein paar höf­li­che Worte mit der Frau neben Dir, weil Du gegen sie gesto­ßen bist. Der Höf­lich­keit hal­ber lächelst Du.

Dein Platz ist am Fens­ter. Der Blick nach drau­ßen nur eine trübe, dunkle Welt zeigt, von den Lich­tern der Stadt durch­setzt, und Du lehnst den Kopf leicht ans Glas. Deine Augen spre­chen von Dei­ner Trau­rig­keit. Mit einem fal­sches Lächeln auf den Lip­pen schaust Du Dich gele­gent­lich um, suchst hin und wie­der auch die Augen Dei­ner Freundin.

Einige Sta­tio­nen spä­ter ist die Dame neben Dir weg, und Deine Freun­din setzt sich her­über. Ihr kommt ins Gespräch, und sie lächelt sehr viel, doch Du teilst es nicht. Ihr redet über einige Dinge aus eurem Leben, und Du kommst auf Ent­schei­dun­gen zu spre­chen, die Dich miss­mu­tig stim­men. Du seufzt beim Reden.

Beim Stu­den­ten­dorf steigt Deine Bekannte aus. Gegen­über hat sich vor kur­zem ein Mann hin­ge­setzt, schein­bar nicht ganz bei Sin­nen. Er sprach schon eine Weile vor sich hin, irgendwo zwi­schen Gebet und Hil­fe­su­che. Er riecht nach Alkohol.

In der Hand hält er eine Plas­tik­tüte, dadrin eine Fla­sche. Was es ist kannst Du nicht genau sagen. Er fragt Dich, ob Du sie weg­wer­fen sollst. Du nickst und sagst, er solle sie wegwerfen.

Er redet eine Weile lang wei­ter vor sich hin, und in Dei­nen trau­ri­gen Blick mischt sich nur ein klei­nes biss­chen Abscheu. Du schaust den Mann dane­ben an, der Dir direkt gegen­über­sitzt. Ihr habt Augen­kon­takt. Er zuckt mit den Ach­seln, und Du zuckst zurück. Du lächelst.

Deine Augen lächeln nicht mit.

Der Betrun­kene hat inzwi­schen ange­fan­gen, seine schöne Toch­ter anzu­prei­sen, und ver­sucht sie, dem Mann neben Dir schmack­haft zu machen. Er ver­sucht dies nur zag­haft, als wüsste er, daß es so nicht rich­tig ist. Den Ver­sucht lässt er auch kurz dar­auf sein.

Kurz ver­sucht er noch, den Mann dazu bewe­gen, ihm den Alko­hol abzu­neh­men, doch über­legt es sich kurz dar­auf anders. Wenig spä­ter hat er eine Fla­sche Wodka aus der Tüte her­vor­ge­zau­bert, und schaut sie an, als würde er sie jetzt trin­ken. Du sprichst ihn an, und sagst, daß er nicht tun soll.

Er igno­riert Dich und winkt ab.

Du sagst, daß er es nicht machen soll, da es ver­bo­ten sei, Alko­hol in der Bahn zu trinken.

Er igno­riert Dich und winkt wie­der ab.

Du erin­nerst ihn daran, daß er die Fla­sche weg­wer­fen wollte.

Er nimmt einen Schluck.

Du wen­dest Dei­nen Blick ab, suchst Augen­kon­takt mit dem ande­ren Mann Dir gegen­über. Ihr schaut euch wie­der an, und seufzt beide leise, wäh­rend ihr lang­ge­zo­gen die Ach­seln zuckt.

Der Mann Dir gegen­über steht auf und manö­vriert sich vor­sich­tig an dem Alko­ho­li­ker vor­bei. Es ist auch Deine Hal­te­stelle, und Du folgst ihm.

An der Tür trefft ihr euch noch­mal. „Mich inter­es­siert ja, warum er so abge­stürzt ist.“ sagt der Mann. Du ant­wor­test ihm, und Deine Ant­wort ist niedergeschlagen.

Die Tür öffnet sich, und er lässt Dir den Vor­tritt. Du knickst leicht und steigst aus, er folgt.

Du gehst nach rechts weg, nach Hause.

Der Mann geht nach links.

Und immer noch ist es Dei­nem Lächeln ein­sam auf den Lippen.

About towo
towo has been writing stuff on the Internet on and off for years. He also thinks that author blurbs are silly.

Comments

One Response to “Auf dem Heimweg”
  1. Diandra says:

    Sehr ein­drucks­volle Beschrei­bun­gen — so kennt und liebt man den öffent­li­chen Nah­ver­kehr. Du hast eine gute Beobachtungsgabe.

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